Interview: Personalberatung 2030
Gespräch mit Mathias Zecher zu KI, Digitalisierung & Trends

Die Zukunft der Personalberatung – Interview mit Mathias Zecher

Digitalisierung der Prozesse, Künstliche Intelligenz und weitere Trends

Frage: Herr Zecher, als Head of Recruitment Solutions bei fecher und Verantwortlicher für die Recruiting-Software hunter haben Sie einen guten Einblick in die Branche. Wenn man sich die aktuellen Trends anschaut, könnte man meinen, in fünf Jahren seien Kandidaten problemlos auf Online-Plattformen zu finden, Stellen würden einfach nur noch über soziale Netzwerke ausgeschrieben und alle Recruiting-Aufgaben von der Künstlichen Intelligenz erledigt. Ganz plakativ gefragt: Braucht man im Jahr 2030 überhaupt noch Personalberatungen?

Mathias Zecher: Definitiv. Genauso sicher allerdings wird sich die Rolle der Personalberatungen bis 2030 deutlich wandeln. Wir beobachten einen Trend zur Spezialisierung und Strategieberatung. Der anhaltende Fachkräftemangel, besonders in den MINT-Berufen, zwingt Unternehmen, ihre Rekrutierungsstrategien zu überdenken. Personalberater werden zunehmend als spezialisierte Partner gefragt sein, die nicht nur Kandidaten vermitteln, sondern auch tiefgreifendes Branchenwissen und ein breites Netzwerk mitbringen.

Frage: Wie wird sich das Verhältnis zwischen Personalberatungen und dem internen Recruiting der Unternehmen entwickeln?

Mathias Zecher: Wir sehen hier eine interessante Entwicklung. Einerseits werden viele Unternehmen, insbesondere Großkonzerne, ihre internen HR-Kompetenzen ausbauen. Andererseits fehlt es gerade kleinen und mittleren Unternehmen oft an den nötigen Ressourcen für ein umfassendes eigenes Recruiting. Hier werden Personalberatungen eine wichtige Rolle spielen, indem sie spezialisierte Expertise und Netzwerke einbringen, die intern nicht vorhanden sind.

Frage: Welche Rolle spielt dabei Künstliche Intelligenz? Was ist heute schon möglich?

Mathias Zecher: KI ist bereits ein fester Bestandteil moderner Recruiting-Prozesse. In unserer Software hunter nutzen wir KI beispielsweise für die Analyse von Lebensläufen und die Übernahme qualifizierter Informationen in die Kandidatendatenbank. Auch bei der Kandidatensuche arbeitet die KI mit, indem sie das Matching unterstützt und die relevantesten Profile hervorhebt. Im Reporting gegenüber Auftraggebern kann die KI sich um Routineaufgaben kümmern, etwa die Kandidatenqualifikation schriftlich zusammenfassen. Wer solche Technologien datenschutzkonform in seiner Recruiting-Software integriert hat, kann damit bereits heute effizienter arbeiten und sich auf wertschöpfende Tätigkeiten konzentrieren.

Frage: Wie sehen Sie die Entwicklung von KI im Recruiting bis 2030?

Mathias Zecher: Eine wichtige Entwicklung ist, dass die KI zu einem Element der Benutzeroberfläche von Recruiting-Lösungen werden wird. Dann kann man sich einfach in natürlicher Sprache mit der Software unterhalten und erhält ebensolche Antworten. Bis 2030 erwarten wir einen signifikanten technischen Fortschritt, durch den die KI eine noch größere Rolle bei der Vorauswahl und dem Matching von Kandidaten spielen kann. Schon bald werden die Plattformen in der Lage sein, Kandidatenprofile in Echtzeit mit Stellenbeschreibungen abzugleichen und eine Liste der am besten geeigneten Bewerber zu erstellen.

Mathias Zecher, Head of Recruitment Solutions bei fecher

Mathias Zecher, seit 2022 Head of Recruitment Solutions bei fecher

Auch im Vertriebsprozess wird der Personalberater dann auf KI-Unterstützung setzen können. Das funktioniert für die klassische Akquise von Auftraggebern mit einem Sales Funnel, wie man ihn von CRM-Systemen kennt. Es werden aber auch ganz neue Vorgehensweisen in der Kundenakquise möglich: Statt einen Vermittlungsauftrag einzuholen und für die ausgeschriebene Stelle geeignete Kandidaten zu suchen, kann man sich dann auch für einen bekannten Kandidaten auf die Suche nach passenden Stellen machen – etwa, indem man die KI das Profil analysieren und über die einschlägigen Suchmaschinen auswerten lässt, welche Stellen dazu passen. Im Idealfall können für Personalberatungen so erfolgreiche Vermittlungen ohne voriges Auftraggebermandat realisieren.

Frage: Wird KI den persönlichen Kontakt im Rekrutierungsprozess ersetzen?

Mathias Zecher: Nein, der persönliche Kontakt wird weiterhin unverzichtbar bleiben. KI wird den Prozess effizienter gestalten und Personalberater bei Routineaufgaben entlasten, aber die menschliche Komponente bleibt entscheidend. Die Fähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und die Unternehmenskultur zu verstehen, wird sogar noch wichtiger werden. Wenn man dann der KI sagen kann: „Schreibe eine Mail an den Kandidaten mit einer Terminbestätigung und einer Liste aller benötigten Unterlagen“ ist das ja nur umso praktischer.

Frage: Also bleibt es auf absehbare Zeit bei den üblichen Kontaktwegen wie Mail und Telefon?

Mathias Zecher: Nein, die nachwachsende Generation von Arbeitnehmern will anders angesprochen werden. Wir haben gerade ein Pilotprojekt laufen, für das man eine klassische Stellenbeschreibung vorgibt und die Software daraus einen entsprechenden Post auf TikTok oder Instagram verfasst. Darauf können potenzielle Kandidaten direkt reagieren und die eingehenden Bewerbungen sind sofort in hunter sichtbar.

So entwickeln wir unsere Lösung kontinuierlich weiter, um den sich ändernden Anforderungen gerecht zu werden. Unser Fokus liegt darauf, die Effizienz durch Automatisierung zu steigern, ohne dabei die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit zu verlieren. Wir investieren in KI-gestützte Funktionen, behalten aber immer im Blick, dass unsere Software die Arbeit der Personalberater unterstützen und nicht ersetzen soll.

Frage: Welche Bereiche der Personalberatung werden Ihrer Meinung nach am stärksten von den kommenden Veränderungen betroffen sein?

Mathias Zecher: Wir sehen, dass die klassische Personalberatung für Standardpositionen zunehmend in Richtung der digitalen Plattformen verschieben wird. Der Fokus der persönlichen Betreuung wird sich auf hochspezialisierte Positionen und Top-Level-Executives verlagern. Hier ist die Expertise von Personalberatern weiterhin gefragt, da es um komplexe Anforderungsprofile und sensible Verhandlungen geht.

Frage: Zum Abschluss: Was raten Sie Personalberatungen, um für die Zukunft gerüstet zu sein?

Mathias Zecher: Mein Rat wäre, offen für neue Technologien zu sein, aber gleichzeitig die eigenen Kernkompetenzen nicht aus den Augen zu verlieren. Spezialisierung, sei es auf bestimmte Branchen oder Regionen, wird immer wichtiger. Zudem sollten Personalberater in ihr Netzwerk und ihre Beziehungen zu Kandidaten und Unternehmen investieren. Die Kombination aus technologischer Unterstützung und menschlicher Expertise wird der Schlüssel zum Erfolg sein. Nicht zuletzt ist es wichtig, sich kontinuierlich weiterzubilden, um mit den technologischen Entwicklungen Schritt zu halten und neue Kompetenzen wie Datenanalyse und KI-Nutzung zu erwerben.